Auszüge aus dem Roman

Noch ein Tag in Armageddon

 

Achtes Kapitel (Armageddon)
Es war früh am Morgen. Die Turbinen des Flugzeuges heulten zum letztenmal laut auf. Jacques schritt an der hübschen, blonden Stewardeß vorbei. Sie wünschte einen guten Aufenthalt. Jacques antwortete nicht. Zuviel Bier schwankte mit ihm die Gangway hinab. Übelkeit überkam ihn, als er die warme Luft in die Luftröhre zog, die sich krampfhaft in sich selbst hineinzuwölben schien. Jacques dachte an die Zigaretten, die er am Abend geraucht hatte, da er vor dem Abflug stets nervöser wurde. Schließlich konnte er keinem Menschen hier trauen. Jemand hätte ja einen Sprengstoff mit an Bord schmuggeln können. Er war davon überzeugt, dass eine Reise an diesen Ort der Welt doppelt so gefährlich sein würde wie eine Bootsfahrt durch den Suezkanal. Als er dann mit beiden Füßen auf dem Boden stand, fühlte er, dass er ruhiger als erwartet war. Den Magen und die Luftröhre spührte er nun nicht mehr. Es war still. Er blickte in eines der riesigen Triebwerke des Flugzeuges, die sanft, geräuschlos, rotierten. Es war, als hörte er die Fischer mit den Fischen sprechen. Keine Bomben, keine Raketeneinschläge oder gar schreiende Kinder, die bei ihren toten Müttern saßen, so wie man es in seiner Heimat täglich in farbigen Bildern zeigte. Er dachte sich, dass es vielleicht daran liegen könnte, dass die Terroristen noch schliefen. Dann fielen ihm aber die Hefte ein, die er sich als kleiner Junge gekauft hatte. Sie berichteten über die Taktiken des Vietkong im Krieg gegen die GI´s. Darin stand, dass die Nacht die Zeit für den Angriff aus dem Hinterhalt war, da es weniger Aufwand benötigte, um eine schreckliche Kulisse für den Angegriffenen darzustellen. Er blickte gen Himmel und stellte fest, dass es noch einige Stunden bis zum Morgen sein müssten. Er wurde unruhig. Einer der letzten Passagiere murmelte etwas auf Englisch. Es musste sich wohl um die Aufforderung gehandelt haben, sich etwas zu beeilen, da die meisten der Reisenden sich bereits alle in dem Bus auf dem Rollfeld befanden, der sie zu den Terminals bringen sollte. Jacques stieg als letzter in den Bus. Es roch nach Schweiß. Eine junge Frau, deren Haar zu einem Zopf zusammengeflochten war, warf diesen durch eine abschüttelnde Bewegung in das Gesicht Jacques. Der bemerkte die Glätte und Geschmeidigkeit ihres Kopfschmuckes auf seiner Nasenspitze, musste aber die Luft durch den Mund inhalieren. Das Haar brachte einen starken Zwiebeldunst mit sich und zwar derart, das ihm ganz mulmig wurde, als er daran denken mußte, mit jener Frau in das nächste Federbett zu steigen. Der Bus fuhr langsam über die Betonplatten des Rollfeldes. Aus der Ferne hörten sie die Geräusche eines großen Fluggerätes, das zur Landung ansetzte. Die Navigationslampen blinkten als würden sie die Menschen unter sich und das übrige Lichtorchester am Boden begrüßen wollen. Auf der anderen Seite zogen Leuchtreklamen, die an einem mächtigen Gebäude angebracht worden waren, an ihnen vorbei. Dann stoppte der Bus abrupt, als wollte man die Reisenden wachrütteln. Denn jeder, der sich in dem engen Bus befand, wusste, was noch kommen sollte. Das Terminal lag vor ihnen. Nachdem die Türen des Busses geöffnet worden waren, fielen die Menschen, die zuvor wie steife Schnüre nebeneinander zustehen hatten, hinaus in die Leere. Der Wind war stärker geworden. Zwischen ihnen und dem Tor der Grenzbehörden lagen nur noch wenige Schritte. Ein alter Jude stürmte, als ob es sich um eine Einladung zum kalten Büfett handeln würde, voraus. Eine Gruppe Amerikaner, die wohl kaum jünger waren als ihre Art, sich mit feuerroten Leibchen und grasgrünen Karos zu kleiden, blieben kurz vor dem Gebäude stehen. Eine von ihnen fuchtelte plötzlich mit einer Kamera vor ihrem Gesicht herum, so dass sich auch gleich die übrigen zusammenfanden und auf genaue Instruktionen der Alten warteten. Sie kreuzte ihre Hände, zeigte auf eine Stelle Beton, die sich zehn Fuß vor ihr befand. Die Gruppe baute sich dann auch gleich dort, mit entsetzlich verschlafenen Gesichtern, vor dem Eingang auf. Einmal, zweimal, dreimal schoss das Blitzlicht durch den schwülen, dunklen Luftraum. Jacques vernahm noch das Lachen der Alten, hörte einen sagen: "Well done!" und schritt die Treppen, die mit feinem Sand überzogen waren, hinauf. Oben waren dutzende Ankömmlinge anderer Fluggesellschaften versammelt. Sie warteten darauf, in das Terminal aufrücken zu können. Drinnen befanden sich weitere, die in dieser lauen Nacht den Weg ins gelobte Land gefunden hatten. Jacques stellte sich hinten an. Wieder roch er am Haar einer jungen Frau. Sie schaute sich um, blickte ihn kurz mit gläsernen Augen an. Er stellte fest, dass ihre Nasenlöcher zu groß waren. Er dachte dabei an Kokain, an Speed, Kraft, die er nicht mehr hatte. Die Müdigkeit erreichten auch schon seine Zehen. Seine Eitelkeit lief ihm wie Schleim aus der Nase. Er fühlte sich unwohl, unrein, ungewaschen. Hitze stand in seinen Schuhen, in seinem Slip. Er wollte zurück, zurück ins Flugzeug, dachte an das kalte Bier, dass er getrunken hatte, dass ihn nun lähmte und an seiner Geduld zapfte. Alles was in seiner Nähe gesagt wurde, vernahm er nur noch als leises Zischen, als ein Rasseln von feinen Sandkörnern, die aufeinanderprallten.. Diese Laute schwebten um seine Ohrmuscheln. Manchmal drangen Worte durch: Worte, die er nicht kannte. Um so mehr er davon vernahm, um so mehr wusste er, dass er fremd war. Dann endlich durfte auch er in das Terminal. Seine Hände waren feucht. Er nahm die klebrige, plastikumhüllte Klinke der Tür in die Hand, umklammerte sie fest, trat hinein und ließ die Tür aus der Hand gleiten. Mit einem großen Schritt drang er weit in den Raum, so dass er beinahe die vor ihm stehenden Personen aufgeschoben hätte. Die Menschen, die ihn umgaben, starrten ihn an, schauten ihm auf die Stirn, als wäre er ein Deutscher. - Zeigte er doch keine Rücksicht mehr, gab kein nötiges Wort von sich, denn der Zwang noch länger warten zu müssen, brachte das Blut in ihm zum Kochen. Die Venen waren dicker, die Muskelstränge wölbten sich nach außen, die Waden waren aufgequollen und sein Glied erhob sich mehr und mehr. Dies bemerkte er, und er fand Gefallen daran, da er seine Gedanken nach unten verlegen konnte. Er dachte daran, seine Latte anzupacken, so dass die dunkelhaarigen Wachmänner ihn daraufhin sofort in ein kleines Zimmer mitnehmen konnten, um dort mit seinem Stiel zu spielen. Dies traf allerdings nicht ein. Keiner der Wartenden vernahm sein rumorendes Glied. Zwar bemerkte er einige Blicke einer vor ihm postierten, kartoffelförmigen Wachfrau mit roten Wangen, ging aber im selben Moment leicht in die Knie, um seine Apparatur zu verbergen, da er, als er die Möpse sah, den Blutstau durch das Frauenbild leicht abbauen konnte. So fiel sein Ding wieder hinab, hinab in die Zonen, die er kennenlernte, als er es mit einigen jungen Studentinnen in Paris versuchte - eben nur versuchte. Im Terminal war es kühler. Die Luft wurde durch mannshohe Ventilatoren, die sich unterhalb der Decke befanden, durch den langen Saal geblasen, in dem die Wartenden eine große, breite Schlange gebildet hatten. Wieder schritten sie nicht voran; sie wippten auf ihren Beinen und warteten ungeduldig. Die Frage war, wie lange es noch dauern sollte, bis das ausgezehrte Fleisch in den schon gebuchten Hotels der Stadt auf den weichen Betten liegen konnte. Auch Jacques war müde, jedoch wußte er, dass die Nacht noch eine halbe Ewigkeit dauern würde. Denn er hatte andere Pläne. Er musste die Stadt noch am Morgen verlassen, musste an einen Ort, der weit außerhalb lag. Er versuchte aber keinesfalls an später zu denken, da er kaum noch in der Lage war, die Gegenwart zu ertragen. Sein Haar war mittlerweile nassgeschwitzt. Er beobachtete ein halbes Dutzend Männer, die Schnellfeuerwaffen in den Händen trugen und begannen, einen Kreis um die Ankömmlinge zu bilden. Die uniformierten, noch sehr jung erscheinenden Soldaten, die mit groben Fingern ihre Uzi's am Abzug kitzelten, standen eng aneinandergereiht neben Jacques und den anderen. Wohl war die erste Frage jener, die ihr Gepäck noch unter den Armen trugen, was hier denn nun geschehen würde. Andererseits begann man sich unter den Gewehrsmündungen sicherer zu fühlen. Auch Jacques dachte daran, dass es doch Rechtens wäre, dass die Israelis ihre Besucher vor dem gefährlichen Palästinenservolk aufs Äußerste schützten. Einer von ihnen trug ein weißes Halstuch, als würde er den alten Wayne kopieren wollen. Dabei schaute er Jacques auf dessen zotteliges Haar, als hätte er es besser vorher schneiden lassen sollen, bevor er die heiße Küche des mittleren Ostens betrat. Jacques blickte ihm noch eine Weile in die Augen, so dass dieser immer unsicherer wurde und, nach Jacques Meinung, sich nun nach der Muschi seiner wahrscheinlich jungen, rassigen Frau sehnte. - Zumal er seine Waffe in seinen zarten Händen hielt, als ob er mit ihr einen Walzer tanzen wollte. Später trat Jacques an den Checkpoint. Seine Zunge hing aus dem breiten Rachen, er beträufelte mit dem warmen Speichel sein warmes, feuchtes T-Shirt. Am liebsten hätte er seinen Waschlappen in die Unterhose des Grenzers gesteckt, der ihn ansah, um zu zeigen, dass er nun an der Reihe war. Jacques drehte sich erschrocken um. Er konnte nicht glauben, dass die Schlange, mit ihm im Bauch, sich inzwischen so weit nach vorne gewälzt hatte. Ein Band mit der Aufschrift " Welcome to Israel" flatterte über seinem Kopf. Er trat an die Gepäckkontrolle und öffnete seinen Pass, den er bereits seit geraumer Zeit in der linken Hand hielt. Doch niemand verlangte danach. Eine kleine Dame forderte ihn auf, sein Handgepäck auf ein Laufband zu legen. Er tat dies, dann ging er einige Schritte weiter. Ein dunkles Mädchen ließ einen Metalldetektor über seinen stinkenden Körper gleiten. Plötzlich summte es. "Please hand me your keys.", so klang es aus ihrem Munde. Jacques war etwas aufgeregt. - Schließlich, so dachte er, hätte er sich strafbar machen können, wenn er den Namen des Mannes aussprach, welcher zuletzt den großen Rabin erschoß. Zumal vernahm er den zarten Duft frischer Kamille. Er vermutete, dass dieser aus den Poren der Grenzerin trat. Beinah hätte er nach der Sorte ihres Eau de Cologne gefragt. Doch dafür war in diesem Augenblick keine Zeit. Er fühlte sich verantwortlich für die, die hinter ihm noch lange zu warten hatten. Er legte seinen Pass ab. Dann kramte er eilig in seinen Hosentaschen. Heraus holte er ein kleines Klappmesser, einen alten Kaugummi, ein Taschentuch, einen Zettel auf dem eine unleserliche Adresse stand und einen Gummi. Die Grenzerin forderte ihn mit einer Geste auf, wobei sie ihren Kopf hin und her drehte, um Jacques klarzumachen, dass er bereits verdammt viele kostbare Sekunden vertrödelt hatte, die Sachen auf einen kleinen Metalltisch zu legen. Er tat dies. Dabei fiel ihm eine schwangere Frau auf, die in ein pinkfarbenes Kleid gehüllt war. Sie stand am zweiten Schalter. Sie musste wohl auch mit Jacques angekommen sein, doch hatte er ihre Erscheinung bisher noch nicht bemerkt. Ihr Bauch quoll nach allen Seiten. Jacques versuchte sich das gigantische Baby im Inneren vorzustellen. Er sah in dieser aufgeblähten Hülle einen kleinen Menschen, ohne Beine, mit Stummelarmen und einem langen, silbernen Schwanz. "Excuse me...", sagte die Grenzerin mit lauter Stimme und zeigte auf die Gegenstände, die noch immer auf dem Tisch lagen. Jacques nahm sie an sich und steckte sie wieder ein. Er nahm an, dass die Kontrolle seines ganzen Gepäcks, einschließlich der seiner Eingeweide, nun beendet war. Er nahm noch seine Tasche an sich, die zuvor durchleuchtet worden war und schritt voran. Wieder sah er auf die andere Seite, wieder blickte er auf den Bauch der Schwangeren. Auch diesmal durchdrangen seine Blicke wie Röntgenstrahlen ihren Leib. Darin wanden sich hunderte kleine, nackte Schlangen mit roten Augen und gelben Köpfen. Sie warteten darauf, die Hülle zu durchstoßen um dann ihre Mutter bis auf das Skelett abzunagen. Auch er verspührte einen riesigen Hunger: sein Magen knurrte. Ein braungebrannter Arm stieß hinter dem Schalter hervor. Jacques wusste, ohne in das Gesicht dieser Person zu blicken, was er zu tun hatte. Er zog seinen Pass aus seiner Hosentasche, öffnete ihn und reichte ihn der wartenden Hand. Diese schnappte wie ein hungriger Schakal gierig danach und zog ihn zu sich. So blieben Jacques erneut einige Sekunden, die Schwangere anzugaffen. Ihm war unverständlich, weshalb man diese Leibesfrucht nicht durchsuchte. Es hätte sich nämlich auch um eine Terroristin handeln können, die zehn Kilo Sprengstoff zwischen ihrem Busch und ihren Milchdrüsen trug. Er beobachtete sie nun ganz genau. E wollte sehen, ob sie vielleicht einen Auslösemechanismus in ihrer Hand hielt, oder ob dieser sich irgendwo unter dem eng gespannten Kleid verbarg. Die Brustwarzen platzten förmlich aus dem BH. Sie waren fest. Jacques konnte kaum noch länger hinstarren. Er empfand Ekel, Scham. Wäre es nach ihm gegangen, hätte man die Nippel schon vorher mit einer großen Beißzange abzwicken sollen. So wäre auch kein Grenzer auf den Schwangerschaftstrick hereingefallen, man hätte dann auch sicherlich die Bombe rechtzeitig gefunden. Er war kurz davor, die Frau an jene Wachmänner zu verraten, die noch immer darauf warteten, einen Spion oder einen Selbstmordterroristen zu durchlöchern. Doch seine Stimme versagte. Schon der Versuch, ein nichtfranzösisches Wort in den Mund zu nehmen, scheiterte. Es kam nichts. Seine Stimmbänder waren trocken wie das Garn einer Jutetasche. So gab er sich zufrieden, als er seinen Pass zurückbekam. Er ging weiter, wunderte sich, dass keiner der Grenzer ihn über seinen Aufenthalt ausgefragt hatte. Zuhause hatte man ihm erzählt, dass man bei einer Einreise in das heilige Land harte Dialoge zu führen hätte. Ihm fiel daraufhin ein, dass es noch mitten in der Nacht war und man in diesen Zeiten sowieso weniger spricht als sonst. Hinter dem Checkpoint tat sich eine große Halle auf. Jacques war erleichtert. Die Menschenschlange hatte sich aufgelöst. Kaum mehr als zweiköpfige Grüppchen bildeten sich nun noch. Jacques dachte an die Rheinauen, dachte an die Weite der Wiesen, an den Duft des Harzes der hohen, grünen Bäume. Er dachte an die Fische, die an seiner Angelrute gezappelt hatten, dachte an die ruhigen Tage dort, wo er alleine und Zuhause gewesen war. Sein Blick schweifte erneut herum. Mit großen, offenen Augen stapfte er voran, immer wieder die Schwangere suchend. Doch diese konnte er trotz all seinen Bemühungen nicht wiederentdecken. Sie schien verschwunden zu sein, sich in der trockenen Luft aufgelöst zu haben. Er zweifelte an seinen Sinnen. Es war unmöglich - sie konnte nicht schneller gewesen sein, dafür war sie zu träge, ihr Bauch zu schwer, aufgebläht. In dem Moment, als sie beide den Checkpoint passierten, war er sich sicher gewesen, dass sie sich noch neben ihm befand. Vielleicht war sie in einem Toilettenraum verschwunden? Oder die Wache war ihr gefolgt? Womöglich hatte man sie festgenommen? Jacques malte sich viele Dinge aus. Er sah wie ein wilder Cherub auf ihr lag und ihr am Ohr knabberte. Als er davonflog, quoll das ganze Blut aus ihrem Leib. Der Bauch platzte, die ganze Soße schwappte umher. Doch da, inmitten des toten Gewebes zappelte etwas. Ein Frosch? Ein abgemetzelter Hühnerkopf? Eine Hasenpfote? Oder war es tatsächlich ein frischgepresstes Baby? Jacques blieb am Rollband stehen. Dutzende Koffer zogen an ihm vorbei. Alle Farben besaßen sie, alle Größen, alle Formen. Seinen Koffer fand er jedoch nicht, noch nicht. Es dauerte eine ganze Weile. Die Leuchte blinkte noch immer über der Tafel mit der Aufschrift Paris - Tel Aviv- No. 111. Das Band lief immerfort, mehr und mehr Gepäckstücke verschwanden, wurden davongetragen. Andere Stücke kamen aus einer Öffnung, rutschten auf das Band. Eine Alte mit einer gelben Mütze trug gleich drei Taschen auf einmal vondannen. Sie glich damit einer betrunkenen Ameise, die eine Stabheuschrecke auf einen Weinberg schleppte, um sie dort fein säuberlich in kleine Einzelstücke zu zerteilen. Die meisten Frauen aber ließen ihren Männern den Vortritt. Ein Kahlkopf spuckte gekonnt auf den Boden, bevor er einen massiven, braunen Koffer herausfischte. Beim Forttragen des schweren Gepäckes trat er versehentlich, mit dem rechten Schuh, in seinen schimmernden, noch warmen Speichel. Endlich erspähte auch Jacques seinen Koffer. Das Band schleppte ihn um die Kurve. Jacques bereitete sich darauf vor, ihn vom Band zu heben. Dabei verspührte er sein Herz klopfen. Er wurde nervös. Musste er doch beim ersten Griff seinen Koffer gezielt vom Bande nehmen, da es noch immer Zuschauer im Raume gab, die sich sicherlich auf einen kleinen Unfall gefreut hätten. Beispielsweise, wenn der Körper Jacques´ aus einer Vorderlage das Gleichgewicht verloren hätte und unwiderruflich auf die Anlage gefallen wäre, dort noch einige Umrundungen gemacht hätte, und dann, von den Touristen beklatscht, das Weite hätte suchen müssen. Er hielt den Koffer mit beiden Händen und zog daran, als wäre es der größte Katzenfisch aus dem Michigansee. Durch einen gewaltigen Ruck ließ er den Koffer durch die Luft schnellen. Unsanft fiel dieser auf den Granitboden. Zärtlich streichelte Jacques über das Leder, packte ihn mit seiner spröden Hand und ging an das Ende des Terminals. Eine gläserne Schiebetür öffnete sich vor ihm. Hebräische Schriftzeichen umrankten wie Weinreben den Ausgang. Warme Luft strömte ihm entgegen. Vor ihm tat sich ein Saal auf, der noch höher als das lange Terminal war. Bunte Leuchtreklamen und allerhand Läden waren darin untergebracht. Dort standen auch kleine Palmen. Als Jacques diese sah, musste er an die Blattläuse denken, die an der Monstera in seinem Zimmer klebten, diese melkten und ständig für Nachkommen sorgten. Stechende Gewürze konnte er in seiner Nähe wahrnehmen. Es roch, als wären Safransäcke aufgeplatzt. Knoblauchdunst stieg ihm in die Nase. Ein Imbiß war in einer kleinen Nische eingerichtet, wartete auf hungrige Ankömmlinge. Daneben standen eine handvoll Männer. Sie rauchten. Plötzlich warfen sie ihre Kippen auf den Boden, zerrieben die Glut mit ihren spitzen, polierten Schuhen und traten Jacques entgegen. "Taxi, Taxi", rief einer. "Are you German?", ein anderer. Erschrocken vom Geschäftssinn der anstürmenden Männer flüchtete Jacques kopfschüttelnd. Er nahm einen anderen Weg und streifte dabei einen Blumentopf, in dem schillernde Kakteen blühten. Er hoffte, dass seine Reaktion eindeutig gewesen war. Ab dem jetzigen Zeitpunkt wollte er seine Fahrgelegenheiten in aller Ruhe ausfindig machen. An ein Taxi war sowieso nicht zu denken, hatte er doch nur ein paar Dollar in seinem Reisegepäck. Außerdem fehlte ihm das Selbstvertrauen, um als Tourist gehandelt zu werden. Er empfand es als morbide, wenn hartnäckige Farbige über weiße Touristen herfielen, um ihnen wertlose Muschelketten umzuhängen. Er war in Paris oft dabeigewesen, wenn schüchterne, junge Touristen den Verfolgungen nicht mehr standhalten konnten. Sie brachen in Tränen aus, verließen noch am selben Tag die Stadt, verfluchten die Franzosen und verbrachten fortan ihre freien Tage in Andalusien. Überall versuchte man, die Fremdheit der Menschen auszunutzen, indem man sie der Wildnis auslieferte. Ihre Verlegenheit war es, die das Geschäft abschloss. Ihre Angst und Furcht zerfraßen den Widerstand. Ihre Nacktheit zeugte eine grässliche Scham und herzdurchbohrende Gewissensbisse. Sie waren durchgeschwitzt und traten stets auf die Pfade, wo der Markt ihren Leibern entgegenwucherte. So hatte Jacques die Abscheu entwickelt und begonnen, den blutdurstigen Dienstleistungen mit Roheit zu begegnen. Sogar derart, dass er vor einigen Monaten einem jungen Trödler, auf den Treppen zur Sacre Coeur, einen faustgroßen Stein an dessen weiches Hirn geschleudert hatte. Daraufhin war er in der Menge untergetaucht. Er kümmerte sich nicht weiter um das blau angelaufene Opfer, wünschte er ihm gar eine schwere Gehirnerschütterung, ein Trauma, das Ende seiner Ramschhändlerkarriere. Jacques warf nochmals seine Hand abwinkend nach hinten. Die Fahrer ließen von ihm ab. Einer von ihnen stürzte sich wie ein hungriger Carcharodon carcharias auf einen graugekleideten Herren, der hinter Jacques durch die Schiebetür gekommen war. Eilig durchquerte Jacques die Passagen. Die meisten Läden waren, obwohl die Dunkelheit den Flughafen noch umringte, geöffnet. Aus einer Bäckerei quoll der Dunst der heißen Öfen. Das Schaufenster war sorgfältig mit frischem, weichen Fladenbrot dekoriert. Jacques bekam es mit seinem knurrenden Magen zu tun, dachte aber gar nicht daran, hier eine Mahlzeit einzunehmen. Er wusste, dass er noch keine einheimische Währung in seinen Taschen trug und musste zuerst die grünen Dollarscheine eintauschen. Diese Priorität zog ihn, wie an einer Schnur gezogen, durch den gewaltigen Saal. Er lief auf einen großen Davidstern zu, der in eine Wand gemeißelt war. Darunter befanden sich einige Buden. Grelles Licht strahlte heraus. Juden umsäumten die in silbernes Blech gehüllten Stuben. Schussfestes Glas war in diese eingelassen. Dahinter saß ein grimmiger Kippaträger, auf dessen Stirn sich kein Haar befand. Jacques blieb einige Sekunden interessiert vor der Wechselstube stehen, legte sein Gepäck auf die dunklen Steinplatten, schielte rechts und links und steckte dann seine Hand in seine Hosentasche. Dort fühlte er seinen kleinen, eingelaufenen Fortpflanzungsarm, der müde im durchnässten Slip schlummerte. Kurzerhand zog er die Hand wieder aus der Tasche, beugte sich zu seinem Gepäck, öffnete den Verschluss eines Nebenfaches des Koffers. Unauffällig versuchte er, die Moneten herauszubefördern. In seiner geballten Faust nahm er die Scheine an sich und ging, mitsamt dem Gepäck, an den Schalter. Dort legte er das Geld auf die Theke und schob es durch eine Aussparung in der Scheibe hindurch. "Ma? - Ma?" sagte der Mann, ohne dass Jacques ihn verstanden hätte. Nach einigen misstrauischen Blicken griff er nach dem Geld, zog es in den Innenraum. Dort zählte er es vor seinen leuchtenden Augen. Er grinste. "27 Dollar!", hallte es durch die Aussparungen im Sicherheitsglas. "You want to get Money of Israel?", fragt er mit tiefer Stimme. Jacques nickte. Mit kühler Miene sortierte er die Scheine und legte sie in ein Fach dicht neben ihm. Er nahm einen kleinen Taschenrechner, tippte eine Zahl, tippte nochmals eine, notierte sich eine mehrstellige Nummer, tippte und schrieb die Zahl auf einen gelben Zettel. Diesen reichte er dem erwartungsvollen Jacques."Here, your receipt!" Entschlossen nahm er das Papier. Er konnte einige undeutlich geschriebene Graphitzahlen darauf erkennen. Unter einem Strich stand eine Neun und eine Eins. Hinter dem Panzerglas wurde es hektisch. Der Mann, dessen Haupt an eine Hubschrauberplattform erinnerte, öffnete rasch eine Schublade. Darin befanden sich grau- blaue Scheine. Er zählte einige, die sich im vorderen Teil befanden, ab. Diese reichte er Jacques, ohne dabei die angespannte Miene zu verändern. Dazu schob er noch einige Münzen, die sich auch in der Schublade befanden, zu dem müden Franzosen herüber. Jacques nahm das gesamte Geld an sich. Er zählte nicht nach, dachte einfach nicht mehr, packte das Gepäck und verließ den Wechselort. "Elegie, Elegie, du kriegst mich nie!", flüsterte er vor sich hin und verschwand in einem kleinen Cafe´, das mit Strandbast ausgelegt war. Ein goldverzierter Ventilator rotierte über dem Eingang. Jacques warf sein Gepäck neben einen breiten, massiven Tisch und setzte sich auf einen ebenso stabil wirkenden Stuhl daneben. Kleine Lampen hingen weit von der Decke hinab. Das Licht war grell. Jacques hoffte, hier keinen Spiegel vorzufinden. Mit seiner Hand konnte er viele kleine Eiterpickel auf seinem Gesicht ertasten. Zu lange hatte er seine Haut nicht reinigen können. Zu empfindlich war seine dünne Körperhülle, die es zuließ, dass man die Venenbahnen darunter erkennen konnte. So wie sein Dermakostüm schätzte er auch seine nervliche Verfassung ein. Mit einem steten Blick auf sein Gepäck rückte er zur Theke vor. Eine junge Frau, die in ein gestreiftes Kostüm gesteckt worden war, ließ zunächst nicht von ihrer Tätigkeit ab, blutige Steakstücke in eine Schale zu legen. "Hello.", eröffnete sie dann. Jacques brummelte im Inneren, wartete auf eine Frage. "Yes?", tönte es von ihr. Jacques befürchtete, dass diese Frau vielleicht zu fremd sein würde, dass sie vielleicht nicht einmal mit ihm Englisch sprechen konnte, ihn nicht verstehen würde. Zumindest machte sie den Eindruck auf ihn, als wäre sie einer Moccaplantage entlaufen, um hier nun ihren Dienst zu tun. Sie schaute ihn an, hob ihre breiten Lippen. Die dunklen, kugelrunden Augen drohten ihn aufzusaugen. Die Wangen senkten sich. Dann, endlich, schoss Jacques die rettende Erkenntnis ins Hirn. Er realisierte, dass er sich doch schließlich auf einem Flughafen, von vielen Flughäfen der Welt, befand. Und überall gab es Verantwortung. Dort wo man Polyglott mit dem Namen der Blues Brothers verband, trank man Coke, liebte Clinton und konnte die Tour de France auf großen Bildschirmen verfolgen. Es war wie Paris, New York, Maui, Budapest oder Zürich. Egal wo - diese Regel war gleich: man sprach Englisch. "Coffee please!", stieß er undeutlich aus. "Are you a first- time?", fragte sie lächelnd, beugte sich und stellte dann eine kleine Tasse auf den mit Fleischstücken übersäten Tisch. "Milk and sugar?", fragte sie den Fremden. "Black", antwortete er, während er sich an der Nase kratzte. Sie beugte sich erneut vor. Jacques musste wieder mit ansehen, wie ihre mächtigen Brüste durch die Gewichtskraft nach unten stürzten, dabei das leichte Hemd zu zerreißen drohten und ein großflächiges Dekolleté entstehen ließen. Jacques beobachtete auch die harten, zapfenförmigen Nippel, die die Ausmaße von Kinderdaumen hatten. Er war sich sicher, dass diese Frau jeden anderen heiß gemacht hätte, ihm aber der Café ohne Zutaten am liebsten war. Sie stellte eine Thermoskanne neben das Tässchen auf den Tisch. Dann goss sie das schwarze Gold in das Porzellan und schob die Tasse elegant mit dem kleinen Finger zu Jacques herüber. Er legte seine Hand darum, um zu prüfen ob das Getränk die gewünschte Temperatur hatte. "Six Schekel", sagte sie mit kräftiger, tiefer Stimme. Er nickte und zog gleichzeitig die Scheine aus der Hosentasche. Er legte zehn Schekel neben die heiße Tasse. Sie gab vier zurück. Er betrachtete die Münzen verblüfft. "Thats jewish money - money for all!", gab sie pikiert von sich. Jacques grinste, steckte das Geld ein und ging an den Tisch. Er wischte einmal mit einer sukzessiven Handbewegung über die Oberfläche des Stuhles und setzte sich dann. Der heiße Kaffee tat ihm gut, denn er erhielt das Gefühl zurück, am Leben zu sein. Er fühlte seine Beine wieder, spührte sein Herz pochen. In seinen Nasenlöchern fühlte er wenig Schleim hinunterrinnen. Er legte seinen Mittelfinger unter die Nase, um die klebrige Flüssigkeit aufzuhalten. Er freute sich, dass der Organismus noch Sekrete produzieren konnte, dass er noch stark genug war, den Bohnentrank sofort in pulsierende Energie umzusetzen. Er war sich im klaren, dass er an jenem Ort, wo es Essen und Trinken gab, die Stunden verstreichen lassen wollte, bevor er aufbrechen würde. Als er den Raum genau inspizierte, fiel ihm ein Mann auf, der an einem Tisch in einer Ecke saß. Dieser las Zeitung und schaute dabei durch eine Sonnenbrille mit runden schwarzen Gläsern. Jacques konnte nicht erkennen, was die dunkle Gestalt an ihrem Jackett trug. Es sah so aus, als glänzte von dort eine Brosche, ein Abzeichen, eine Art Anstecknadel. Der Mann erhob sich schlagartig. Jacques tat so, als würde er ihn nicht wahrnehmen. Er wandt sich ab und warf seine Blicke der Bedienung zu, die sinnierend hinter der Bar saß und an die Decke starrte. Sie hatte ihre Arme überkreuzt, schien den Gästen keine Beachtung mehr zu schenken. Der geheimnisvolle Mann stand plötzlich an der Theke. Seine Gestalt wirkte furchterregend. Groß und spindeldürr war der Körper, ausgemergelt das Gesicht. Er warf einige Münzen auf den Tisch, sagte etwas, was Jacques nicht verstand. Sie rieb die Hand an ihrem Hemd, schenkte dem Gegenüber noch ein freches Lächeln und versank wieder in ihren Tagträumen. Er schwenkte seinen Kopf und sah nach allen Seiten. Elegant setzte er sich in Bewegung. Jacques rieb seine wunden Schenkel an den Stuhlbeinen, verfolgte still, was im Raum geschah. Der Geheimnisvolle schlug mit seiner Zeitung einige Male beim Vorübergehen auf einen Tisch, schien aber nicht gleich den Ausgang aufzusuchen. Er lief umher, während die Bedienung ihre Augen schloss. Dann blieb er stehen, senkte den Kopf und stieß mit seinem Fuß an einen Mülleimer, der vor ihm stand. Dann beugte er seinen Körper vor; er krümmte seine Wirbelsäule wie eine Banane. Nun tauchte er seine Hände in den Eimer. Es raschelte, als er den Müll durchwühlte. Jacques nahm die durchgesessenen Stellen am Hinterteil der Hose des sich Bückenden war. Er trug offensichtlich keinen Slip. Die Iris wurde größer; Jacques zwang seine Sehfähigkeit, den äußersten Dienst zu tun. Er wollte erkennen, wollte das Stückchen unbedecktes Fleisch zu Gesicht bekommen. Was zuvor fremd, kalt, desillusioniert war, wurde auf einen Schlag zu einem voyeuristischem Abenteuer. Ihm war klar, dass seine Spermien bald kochen würden. Denn alles, was er sich vorstellen konnte, bot er in den Phantasien auf. Eine ganze Armada von schillernden Bildern schimmerten vor seinen Augen. Der Unbekannte zog seine Hand blitzschnell aus dem Eimer, kickte dann nochmals mit dem Fuß dagegen, sah sich um und verschwand. Später war es erneut ruhig. Jacques hatte nicht die Kraft, dem Unbekannten folgen zu können. So blieb er still am Tisch sitzen, trank seinen Kaffee und versuchte sich vorzustellen, dass er in Sicherheit war. Die Bedienung hat in der Zwischenzeit ihre Äuglein wieder geschlossen. Ihre Hände waren noch vom Blut des Fleisches rosafarben. Jacques hätte ihre Schläfrigkeit ausnützen können, hätte seinen ersten Coup im gelobten Land erfolgreich durchführen können. Doch befürchtete er, dass sie ihre Fleischberge als Waffe gegen ihn einsetzen würde. Er glaubte, dass sie ein ausgewachsenes Pferd mit ihren Milchspritzen problemlos erschlagen könnte. Dazu vermutete er, dass sie in ihrer Narkolepsie, die sie an den Tag legte, niemals ruhend war. Sie war wie ein schlafender Panther, der zwei Drittel des Tages im Schlaf verbrachte. - Hungrig lauernd, um in der Nacht zuzuschlagen. Seine drahtigen Beine begannen, wie Fühler einer Waldameise übereinander zu schlagen. Nun schien es an der Zeit zu sein. Er war bereit zu gehen. War bereit, einen weiteren Wartesaal hinter sich zu lassen. Steif schritt er davon und dachte an den geheimnisvollen Unbekannten.